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Interview mit Bela Mutschler zum Thema Digitalisierung

Moritz Haag:

Hallo Bela. Klasse, dass du heute Zeit hast!

Bela Mutschler:

Hallo Moritz, schön, dass wir zusammensitzen! Ich freue mich, dass wir uns zum Thema Digitalisierung austauschen.

Moritz Haag:

Du beschäftigst Dich als Informatiker und Hochschullehrer jeden Tag mit der Digitalisierung. Viele Menschen stehen der Digitalisierung mit einem gewissen Ohnmachtsgefühl gegenüber.

Woran liegt das?

Bela Mutschler:

Das ist richtig! Die Digitalisierung überrennt unsere Gesellschaft, Unternehmen und jeden Einzelnen von uns mit unvorstellbarer Dynamik und Wucht. Ein Ohnmachtsgefühl ist hier kaum verwunderlich, gerade in diesen „What-the-Fuck?“-Momenten, wenn wir wieder von irgendeiner verrückten, neuen Anwendung oder einem innovativen, krassen Geschäftsmodell hören. Dieses Ohnmachtsgefühl hat dabei aber wenig damit zu tun, dass die Digitalisierung oder das Internet „Neuland“ sind. Tatsächlich ist die Digitalisierung nicht neu. Genau so wenig wie das Internet, das in drei Jahren immerhin seinen 30ten Geburtstag feiert. Das was dieses Ohnmachtsgefühl auslöst ist vielmehr die Geschwindigkeit, mit der sich die Dinge entwickeln. Um 50 Millionen Menschen zu erreichen, brauchte es für das Telefon 50 Jahre, für das Fernsehen 22 Jahre, für Handys 12 Jahre, für das Internet 7 Jahre, für Facebook 3 Jahre und für Pokemon Go 19 Tage. Die Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts ist es, die uns regelmäßig aus den Latschen haut. Das was wir heute kennen und an was wir uns gerade erst gewöhnt haben, ist oft schon morgen veraltet oder out.

Moritz Haag:

Worauf müssen wir uns einstellen?

Bela Mutschler:

Digitalisierung bedeutet immer stärker eine möglichst umfassende und intelligente Verarbeitung von Daten. Natürlich und vor allem eben auch von personenbezogenen Daten. Digitalisierung bedeutet deswegen schon heute, aber zukünftig noch viel mehr die Digitalisierung des Menschen. Ein Beispiel: Über 80% Prozent aller Deutschen zwischen 18 und 29 haben schon mindestens einmal ihr Essen fotografiert und online geteilt. So kommen Millionen von Fotos zusammen, die Auskunft über unser Essverhalten geben. Unternehmen wie Google arbeiten bereits an Anwendungen, die anhand eines Fotos ermitteln, welches Gericht auf einem Foto abgebildet ist, wie viele Kalorien das abgebildete Essen hat oder welche guten und weniger-guten Inhaltsstoffe in ihm enthalten sind. Kann man Letzteres ermitteln, werden natürlich Rückschlüsse darauf möglich, ob sich ein Nutzer gesund oder weniger gesund ernährt. So können aus vermeintlich harmlosen Bildern unter Umständen bald Schlussfolgerungen gezogen werden, die uns heute beim Teilen entsprechender Fotos nicht klar sind, die aber Versicherungskonzerne zum Beispiel brennend interessieren!

Daneben gibt es auch im Bereich Robotik viele spannende, teilweise fast beängstigende Entwicklungen. An Staubsaugerroboter und Mähroboter haben wir uns ja schon gewöhnt. Mittlerweile gibt es aber auch Roboter die Häuser bauen, Roboter die operieren, Roboter die auf zwei Beinen laufen und sogar auf unebenem Grund rennen können. Auch von den fliegenden Drohnentaxis, die schon in wenigen Jahren Menschen in Dubai transportieren sollen, haben vielleicht einige schon gehört oder gelesen.

Moritz Haag:

Viel wird auch über die Auswirkungen der Digitalisierung auf unseren Arbeitsmarkt diskutiert. Über eine sich abzeichnende technologische Arbeitslosigkeit. Wie siehst du dieses Thema?

Bela Mutschler:

Klar ist: Maschinen unterstützen zukünftig nicht mehr nur die Automatisierung einfacher Aufgaben und Arbeitsabläufe, sondern werden zu lernenden Systemen, die ähnlich wie das menschliche Gehirn funktionieren. Dadurch betrifft der durch intelligente Maschinen ausgelöste Strukturwandel immer größere Teile des Arbeitsmarktes. Der Arbeitsmarkt und die Gesellschaft als Ganzes werden sich verändern müssen, um die durch Smart Machines ausgelösten Veränderungen nachhaltig abzufangen. Manche, zugegebenermaßen extrem pessimistische Studien gehen davon aus, dass ab 2030 bis zu 90% aller Arbeitsplätze durch Smart Machines und neuartige Assistenzsystemen gefährdet sind. Andere Studien sagen dagegen, dass im gleichen Atemzug, wie Arbeitsplätze wegfallen, neue Jobs entstehen. In jedem Fall wird die Deindustrialisierung voranschreiten. Der Anteil produzierender Betriebe an der Gesamtwirtschaft wird abnehmen. Der Anteil des Dienstleistungsbereichs wird steigen. Wie das am Ende ausgeht, ist noch nicht seriös abschätzbar. Es kann so oder so laufen.

Moritz Haag:

Ausgelöst durch die Diskussionen um die technologische Arbeitslosigkeit wird zuletzt auch intensiv über das bedingungslose Grundeinkommen diskutiert. Wie ist das mit dem bedingungslosen Grundeinkommen? Verrückte Idee oder bedenkenswertes Konzept?

Bela Mutschler:

Die Sache mit dem bedingungslosen Grundeinkommen ist nicht so einfach. Nicht umsonst gibt es hier schon viele dicke Wälzer, die das Thema umfassend und im Detail beleuchten. Eine einfache Antwort gibt es nicht. Ich glaube in jedem Fall, dass das Thema nicht reflexartig abgekanzelt werden sollte. Ich persönlich bin sogar überzeugt, dass es am Ende gar keine andere Option geben wird, denn es wird einfach nicht mehr genug bezahlte Jobs geben. Auch Silicon-Valley-Größen wie Elon Musk oder Dax-Chefs wie Timotheus Höttges und Joe Kaeser sehen das bedingungslose Grundeinkommen kommen. Aber natürlich bleiben die konkrete Ausgestaltung und die Details genau zu überlegen. Das wird dauern.